Studie

«Neue antisemitische Normalität» in Deutschland

5.10.2026, 11:41

Vor drei Jahren verübten Terroristen das schlimmste Massaker in der israelischen Geschichte. Wie ist es Jüdinnen und Juden in Deutschland seitdem ergangen? Eine Studie gibt Einblicke.

Drei Jahre nach dem Terrorangriff vom 7. Oktober auf Israel sehen sich Jüdinnen und Juden in Deutschland einer Untersuchung zufolge mit einer «neuen antisemitischen Normalität» konfrontiert. Ausgrenzung und Diskriminierung kämen aus allen Teilen der Gesellschaft, teilte die Antidiskriminierungsstelle des Bundes anlässlich der Vorlage der von ihr geförderten Studie über die Auswirkungen des Anschlags auf jüdische und israelische Gemeinschaften in Deutschland mit.

In der Forschungsarbeit wurde über zwei Jahre untersucht, wie Jüdinnen und Juden hierzulande den Terrorangriff und die Zeit danach erlebt haben. 118 Personen nahmen daran teil. In Einzelinterviews und Gruppendiskussionen ging es darum, was der 7. Oktober für sie persönlich bedeutet, ob die Befragten körperliche oder psychische Veränderungen bemerkt haben oder wie sie ihre Zukunft in Deutschland sehen.

Gleichgültigkeit, Schweigen und «routinierte Deutungen des Nahostkonflikts»

Die Inszenierung der Angriffe und ihre gezielte mediale Verbreitung habe den Studienteilnehmern die Botschaft vermittelt, dass auch sie, obwohl sie in Deutschland lebten, nicht sicher seien und ein legitimes Angriffsziel sein könnten, heißt es in der Studie. Nach dem Terroranschlag erlebten sie zudem auch im Freundes- und Bekanntenkreis Gleichgültigkeit, Schweigen «oder wie sofort auf routinierte Deutungen des Nahostkonflikts zurückgegriffen wird». 

Viele schilderten die Erfahrung, dass ihnen nicht nur zwischenmenschliche Anteilnahme und Empathie verweigert werde, sondern sie als jüdische Person unmittelbar als Stellvertreter Israels adressiert würden. «Sie werden mit Umdeutungen und Relativierungen des Massakers, der Geiselnahmen und des Raketenterrors» gegen Zivilisten «und mit einseitigen Schuldzuweisungen an Israel konfrontiert», heißt es weiter.

Interviewpartner berichteten außerdem von «offensive(n) Konfrontationen im analogen und digitalen Raum, die teilweise bereits am Abend des 7. Oktober erfolgen und sich seitdem kontinuierlich fortsetzen». Der Druck, sich für die eigene Herkunft und Identität rechtfertigen zu müssen, führe bei Kindern, Jugendlichen wie Erwachsenen zu sozialem Rückzug, psychischer Belastung, verstärkten Sicherheitsabwägungen und schränke ihre gesellschaftliche Teilhabe ein, hieß es von der Antidiskriminierungsstelle.

Beauftragte sieht Gesetzeslücke bei Schutz vor Diskriminierung

«Die Studie offenbart das ganze Ausmaß antisemitischer Diskriminierungen», sagte die Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, Ferda Ataman. «Wer offen zugibt, jüdisch zu sein oder aus Israel zu kommen, riskiert existenzielle Konsequenzen: von der Benachteiligung bei der Wohnungs- und Arbeitssuche über Verweigerung der Bedienung im Restaurant bis hin zu Mobbing in Kita und Klassenzimmer.» Ataman forderte einen besseren Schutz von Jüdinnen und Juden vor Diskriminierung, etwa an Schulen oder Hochschulen. «Bislang klafft hier leider eine große Schutzlücke in der Gesetzgebung.»