Flucht
Dobrindts Migrationskurs: Warum weniger Asylsuchende kommen
3.10.2026, 10:16
Die Zahl der Asylerstanträge in Deutschland ist seit 2024 deutlich gesunken. Auch im ersten Halbjahr dieses Jahres setzte sich der Rückgang fort. So lag die Zahl der Asylerstanträge von Januar bis Juni rund 35 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) führt diese Entwicklung auf die «Migrationswende» zurück. Gemeint sind die Verschärfungen der schwarz-roten Bundesregierung seit Mai 2025, darunter verstärkte Grenzkontrollen mit Zurückweisungen, ein vorläufig ausgesetzter Familiennachzug und mehr Abschiebungen.
«Wir haben innerhalb kürzester Zeit die illegale Migration zurückgedrängt und die Kommunen entlastet. Mit konsequentem Kurs haben wir dafür gesorgt, dass die Migrationswende wirkt», heißt es auf der Website der CSU-Landesgruppe. Doch lassen sich weniger Asylsuchende wirklich auf striktere politische Maßnahmen zurückführen?
Politik ist ein Faktor unter vielen
Migrationsforscher Hannes Schammann von der Universität Hildesheim hält diese Erzählung für zu einfach. Einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen der Migrationspolitik der Bundesregierung und der sinkenden Zahl der Asylanträge sieht er nicht. «Dobrindt verkauft das als Erfolg. Es ist aber wohl eher eine Hoffnung, dass das einen Teil dazu beiträgt.»
Auch die Migrationsforscherin Victoria Rietig von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) bezeichnete die Migrationswende bei den Nürnberger Tagen für Migration im November vergangenen Jahres als «an den Zahlen gemessen wenig effektiv». Die Zurückweisungen an den deutschen Außengrenzen, zu dem Zeitpunkt rund 1.000 in sechs Monaten, spielten dabei kaum eine Rolle. Grundsätzlich lasse sich Migration durch politische Maßnahmen nur kurzfristig oder unvollständig steuern, erklärt Schammann.
«Wenn weniger losgehen, kommen weniger bei uns an»
Einen wichtigen Grund für die sinkenden Antragszahlen sieht Schammann in den Herkunftsländern. Die Zahl der Asylanträge in Europa und Deutschland ist insbesondere aus den Staaten zurückgegangen, aus denen derzeit weniger Menschen fliehen. «Wenn weniger losgehen, kommen weniger bei uns an.»
Seit dem Sturz von Präsident Baschar al-Assad Ende 2024 ist die Zahl der Asylantragsteller aus Syrien in Deutschland stark gesunken. Nach dem Machtwechsel ist nach Angaben des BAMF die Zahl der syrischen Erstanträge von mehr als 104.000 im Jahr 2023 auf 23.256 im Jahr 2025 geschrumpft.
Dass dieser Rückgang nicht nur ein deutsches Phänomen ist, zeigt der Blick auf Europa. Die EU-Asylagentur registrierte 2025 in den 27 EU-Staaten sowie der Schweiz und Norwegen rund ein Fünftel weniger Asylanträge als im Vorjahr. Grund für den Rückgang ist demnach vor allem, dass es weniger Asylanträge von Menschen aus Syrien, Bangladesch und der Türkei gab. EU-Migrationskommissar Magnus Brunner führte den Rückgang der Asylanträge zudem auf Änderungen in der europäischen Migrationspolitik zurück.
Große Fluchtbewegungen auf anderen Kontinenten führen nicht automatisch dazu, dass mehr Menschen Deutschland erreichen. Im Sudan etwa werden viele Menschen innerhalb des Landes vertrieben oder fliehen zunächst in Nachbarstaaten, wie Migrationsforscher Schammann erklärt. Dort würde teilweise eine «Verunmöglichung von Migration» passieren. Dabei könnten auch politische Entscheidungen eine Rolle spielen, etwa Abschottung oder die Verlagerung von Migrationskontrolle in Drittstaaten.
Was also bringen strengere Regeln?
Dobrindt betont auch die Signalwirkung seines Kurses. Ihm gehe es um ein «Signal in die Welt und nach Europa», dass sich «die Politik in Deutschland geändert hat». Wie viel politische Maßnahmen tatsächlich zu sinkenden Asylzahlen beitragen, lässt sich jedoch kaum beziffern. Das gilt aus Schammanns Sicht auch für die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS). Die neue EU-Asylverfahrensverordnung sieht unter anderem beschleunigte Verfahren für bestimmte Gruppen vor. «Bei GEAS selbst kann man noch gar nicht richtig bewerten, wie der Effekt ist», sagt Schammann. Wenn überhaupt, dürften mögliche «symbolische Abschreckungseffekte» derzeit eher einen kleinen Teil zum Rückgang beitragen.
Ein internationales Forscherteam stellte Anfang Juni im «Report Globale Flucht 2026» fest, es gebe keinen empirischen Beleg dafür, dass deutsche Grenzkontrollen, die Bezahlkarte für Asylbewerber oder gekürzte Sozialleistungen den Rückgang der Asylzahlen verursacht hätten. Mitautor Benjamin Etzold vom Bonn International Center for Conflict Studies verwies auf die erzwungene Rückkehr vieler Afghanen aus dem Iran und der Türkei in ihr Herkunftsland.
Wohin flüchten Menschen, wenn sie können?
Politische Maßnahmen können laut Schammann also nur begrenzt beeinflussen, wer sich überhaupt auf den Weg macht. Für die Wahl des Ziellandes spielen andere Faktoren eine wichtige Rolle - darunter sogenannte Pull-Faktoren, also Bedingungen, die ein Land besonders attraktiv machen. «Das Allerentscheidendste» dabei seien Netzwerke, sagt Schammann. «Wenn man schon jemanden kennt irgendwo, wenn Familie da ist, dann geht man dorthin, egal, was sonst noch im Pott ist.» Auch Sicherheit, demokratische Verhältnisse und wirtschaftliche Perspektiven flössen in so eine Entscheidung mit ein.
Sozialleistungen bewertet Schammann als weniger wichtig. «Sozialleistungen als Pull-Faktoren, das ist ein Mythos», sagt er. Anders sei es mit der wirtschaftlichen Lage eines Landes insgesamt. «Wenn es einem Land wirtschaftlich gut geht, dann ist es natürlich immer attraktiv.»