Jahrestag
65 Jahre Mauerbau: Warnungen vor Gefahren für die Demokratie
13.08.2026, 14:40
Mit einer Gedenkveranstaltung am früheren Todesstreifen ist in Berlin an den Mauerbau vor 65 Jahren erinnert worden. In der Kapelle der Versöhnung an der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße versammelten sich Vertreter aus Politik und Gesellschaft, um der Mauertoten zu gedenken. Dabei wurden auch Auszüge aus der Biografie eines Opfers gelesen.
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und andere legten Kränze an einem Mahnmal nieder. Klöckner beklagte in einer Ansprache eine anhaltende Mauer in vielen Köpfen und plädierte für mehr Zuhören und Zusammenhalt in Deutschland. «Die frühere Grenze ist fast unsichtbar geworden», sagte die CDU-Politikerin laut Manuskript. «Und doch ist sie da. Die Mauer hat in Deutschland Spuren gezogen, die unsere Wege heute noch beeinflussen.»
Klöckner beklagt Mauer in den Köpfen
Ost und West spielten im Selbstverständnis vieler weiterhin eine Rolle. «Politische Fragen werden auf beiden Seiten manchmal sehr unterschiedlich beantwortet: Migration, Corona, der Umgang mit Russland», so Klöckner. «Wir müssen aus unserer Geschichte lernen. Wir dürfen uns nicht in ihr verlieren», mahnte sie.
1989 habe Mut die Mauer zum Einsturz gebracht. «Auch heute ist Mut gefragt. Der Mut, aufeinander zuzugehen. Wir wollen die Hindernisse überwinden, die manchmal immer noch zwischen uns sind.»
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) rief zur Verteidigung von Freiheit und Demokratie auf. «Vor 65 Jahren ließ die DDR-Führung die Mauer errichten. Heute ist unser Land länger vereint, als es geteilt war und wir leben in Freiheit und Frieden», schrieb Merz auf der Plattform X. «Die Lektion der Mauer bleibt: Freiheit und Demokratie sind nicht selbstverständlich. Wir müssen immer dafür kämpfen.»
Warnung vor Verharmlosung der DDR-Diktatur
Wegner nannte den 13. August 1961 einen der dunkelsten Tage in der Geschichte Berlins. «Vor 65 Jahren riss der Bau der Berliner Mauer Familien auseinander, trennte Freundinnen und Freunde, zerstörte Lebensentwürfe und sperrte Millionen von Menschen in der SED-Diktatur ein.»
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer erklärte zum Jahrestag: «Die Berliner Mauer war fast drei Jahrzehnte lang das sichtbarste Symbol für die Unfreiheit und die Unterdrückung in der Deutschen - sogenannten Demokratischen - Republik.» Links- wie Rechtsextreme versuchten derzeit, die DDR gezielt zu verharmlosen, fügte er hinzu und warnte vor «Geschichtsvergessenheit».
In der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» regte Weimer an, Straßen und Plätze nach Menschen zu benennen, die in der DDR gegen das Unrechtssystem opponiert hätten, im Gefängnis saßen oder gar getötet wurden.
Mehr DDR-Geschichte in Schulen?
Nach Einschätzung des Direktors der Stiftung Berliner Mauer, Axel Klausmeier, sollte die Geschichte der DDR intensiver an Schulen unterrichtet werden. «Die DDR-Geschichte, die Geschichte der deutschen Teilung, ist viel zu wenig im Lehrplan, kommt häufig viel zu spät, mitunter dann auch erst in der Oberstufe, im Gymnasium», sagte Klausmeier im RBB-«Inforadio». Außerdem sei es wichtig, daran zu erinnern, dass die DDR autokratisch und ohne freie Wahlen regiert worden sei. «Das sagt uns, Demokratie ist nicht selbstverständlich.»
Mauer stand mehr als 28 Jahre
Der Bau der Berliner Mauer besiegelte am 13. August 1961 die deutsch-deutsche Teilung. Die SED-Führung in der DDR wollte so die massenhafte Abwanderung von Menschen in den Westen Berlins und in die Bundesrepublik stoppen, die die DDR-Wirtschaft bremste und den Staat destabilisierte.
Das rund 155 Kilometer lange Bollwerk zerschnitt Berlin mehr als 28 Jahre lang, trennte viele Familien und den Westteil der Stadt von seinem Umland. Nach Angaben der Stiftung Berliner Mauer wurden während dieser Zeit mindestens 140 Menschen an der Mauer getötet oder kamen im Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. Außerdem starben demnach mindestens 251 Reisende während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen.
Nach Massenprotesten im Zuge der friedlichen Revolution in der DDR wurde die Mauer am 9. November 1989 geöffnet. Am 3. Oktober 1990 folgte die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten.
Göring-Eckart: «Mauer ist zum Einsturz gebracht worden»
Zum 65. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer hat die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckart vor einer Verharmlosung der DDR gewarnt. «Die Mauer ist ja nicht gefallen. Sie ist zum Einsturz gebracht worden», sagte sie dem «Redaktionsnetzwerk Deutschland» (RND). «Wir erleben aber, dass diese Selbstbefreiung in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle spielt. Deshalb kann die AfD behaupten, dass es in der DDR doch eigentlich ganz schön war - und heute eine Diktatur herrsche, in der man nicht mehr sagen kann, was man will. Das ist Quatsch.»
Man müsse sich mit der Diktaturgeschichte auseinandersetzen, aber auch die weiter bestehenden strukturellen Unterschiede im Blick haben, sagte die in der DDR geborene und aufgewachsene Göring-Eckart. Damit wolle sie aber nicht AfD-Wähler in Schutz nehmen: «Denn sie können wissen, was Diktatur bedeutet und wie sich Faschismus für jeden Einzelnen und am Ende für sie selbst auswirkt.»
Dafür, dass der Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie nicht allen klar sei, sieht sie auch Fehler in Westdeutschland - dort habe es «eine Mischung aus Desinteresse und Besserwisserei» gegeben. «Im Westen haben viele Menschen jahrzehntelang gar nicht gemerkt, was in Ostdeutschland eigentlich passiert ist. Diese Erfahrung abzufragen, wäre weiterhin klug», so Göring-Eckart.
Auch der Bundesvorsitzende der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft, Dieter Dombrowski, warnte vor wachsenden Gefahren für die Demokratie. Diese werde «immer öfter infrage gestellt», sagte er dem RND. «Diese Tendenz nimmt links wie rechts zu. Dabei wird der Sozialismus schleichend legitimiert - obwohl er den Menschen in Deutschland und überall auf der Welt nur Unglück gebracht hat.»