Fußball-Nationalmannschaft
Nur kein Jetlag: Neuer am Strand und Nagelsmanns Strategie
3.06.2026, 14:35
Manuel Neuer und Jonas Urbig waren ganz früh auf den Beinen. Mit einem Morgenspaziergang am Lake Michigan starteten der Rekordtorwart und sein Bayern-Backup in den ersten WM-Tag in Amerika. Unweit des Teamhotels der Nationalmannschaft in Chicago drehten sie eine Runde. Passanten erkannten die Fußball-Stars aus Germany und baten um Selfies.
Sieben Stunden Zeitrückstand zu Deutschland bedeuten für Julian Nagelsmann und seine insgesamt 27 Spieler auch den Kampf gegen die innere Uhr. Die Frühaufsteher Neuer und Urbig setzten sich auf eine Mauer und schauten Beachvolleyballern an der beliebten Strandpromenade zu. Mit dabei im frühen Sonnenschein war auch DFB- und Bayern-Arzt Jochen Hahne, der sich intensiv um Neuers linke Problem-Wade kümmert.
Kampf gegen den Jetlag
Gleich nach der Ankunft im Waldorf Astoria im Stadtteil Gold Coast am Abend (Ortszeit) zuvor hatte der Bundestrainer den ganzen Kader zu einem Spaziergang an den riesigen See im US-Bundesstaat Illinois geführt. Beine ausschütteln, Köpfe freibekommen. Für einen Jetlag hat Nagelsmann keine Zeit.
Als Letzter war der 38-Jährige vor seiner WM-Premiere aus dem Mannschaftsbus gestiegen. Er winkte noch in Richtung der wartenden Fans und verschwand dann mit flottem Schritt in dem riesigen Teamhotel mit seinen 60 Stockwerken. Weit mehr als zwei Stunden waren vergangen zwischen der Landung der Fußball-Nationalmannschaft auf dem O'Hare International Airport von Chicago und der Ankunft am Seiteneingang des Waldorf Astoria.
Die Fahrt durch die Rush Hour im Bus mit dem Aufdruck «Windstar» war ein Vorgeschmack für den Bundestrainer auf die XXL-WM, dem Turnier der großen Herausforderungen und langen Wege.
Jetzt geht es los mit dem WM-Feinschliff. Aber hinter geschlossenen Türen. Zuschauen beim Training darf auf dem Gelände des Clubs Chicago Fire aus der Major League Soccer jetzt für zwei Tage keiner mehr. Es gibt noch viel zu tun bis zum Turnierstart am 14. Juni in Houston gegen WM-Neuling Curaçao.
Generalprobe gegen US-Team im Blick
In der Step-by-Step-Logik des Bundestrainers, die in Amerika bis zum Finale am 19. Juli führen soll, steht jetzt die WM-Generalprobe gegen Co-Gastgeber USA an. Am Samstag (20.30 Uhr/RTL) geht es für Nagelsmann nicht um eine spezielle Taktik oder Spielidee. Es wird auch keiner der beiden Gruppengegner Elfenbeinküste oder Ecuador, die viel besser sind als Curaçao, simuliert.
Die Prüfung gegen das US-Team lautet für Nagelsmann viel mehr, die Wucht des Turniers bereits zu erahnen und zu fühlen. «Es geht einfach darum, die Emotionalität aufzusaugen und auch bei dem Turnier dann quasi anzukommen», beschrieb der Bundestrainer seine Chicago-Agenda.
Emotionen im Soldier Field
Im Stadion Solider Field, in dem sonst die Chicago Bears in der National Football League nach Touchdowns streben, rechnet der 38-Jährige mit dem unbeschreiblichen Enthusiasmus der Heimfans. «Ich glaube, es wird ein sehr emotionales Spiel», sagte er. Die USA hätten seit der letzten Heim-WM 1994 kein größeres Spiel gehabt, meinte Nagelsmann.
Ausverkauft ist die Arena mit Platz für mehr als 60.000 Fans. Auch wenn am Tag der Amerika-Ankunft der DFB-Stars an dem Stadion noch nichts auf das Soccer-Duell gegen Germany hinwies. Auf der riesigen Neon-Werbetafel liefen nur die Spots für das Konzert des britischen Songwriters Ed Sheeran Ende Juni und ein Testduell des FC Liverpool gegen Leeds United im August.
Dennoch, die WM wird eine Wucht haben. Darauf hatte auch Rudi Völler abgehoben, kurz vor dem Start in die USA. «Etwas besonders ist diese Wertigkeit», sagte der 66-Jährige vor seiner insgesamt fünften WM seit 1986 und der ersten in der Funktion als DFB-Sportdirektor. Für jede Karriere, für jeden Spieler, egal wie erfolgreich im Club-Fußball, sei das Weltturnier etwas Besonderes, meinte Völler. In Chicago stieg er als Erster aus dem Teambus.
Müllers Botschaft im Flieger
Auf dem Flug von Frankfurt nach Chicago war auf den Bord-Bildschirmen Thomas Müller erschienen. Mit einer Motivationsrede für den erhofften WM-Sieg. Als Kronzeuge diente 2014-Finaltorschütze Mario Götze. «So Jungs, ich hoffe, ihr habt es euch gemütlich gemacht. Denn vor euch liegt eine ganz besondere Reise», sagte Müller, der in Rio zu den WM-Helden gehörte.
Für Nagelsmann ist es die erste WM. Und er muss nach der Ankunft bald Entscheidungen treffen: Ist Neuer nach seiner Wadenverhärtung jetzt bereit für das Länderspiel-Comeback? Wie intensiv kann Nachzügler Kai Havertz als Startelf-Sturmspitze nach dem verlorenen Finale der Champions League mit dem FC Arsenal belastet werden?
Es bahnt sich noch kurzfristig ein Umbruch im WM-Team an, der nach der erfolgreichen Qualifikation so nicht zu erahnen war. In Neuer, Nathaniel Brown, Lennart Karl und Felix Nmecha drängen formstarke Profis in die Startelf, die auf dem Weg nach Amerika noch gar keine oder nur eine geringe Rolle gespielt haben. Dazu kommen noch Jamal Musiala und Havertz, die wegen ihrer Verletzungen keine einzige Quali-Minute absolvieren konnten.
Womöglich droht bei plötzlichen Reservisten eine Unzufriedenheit im Team, die Nagelsmann mit seiner Philosophie der klaren Rollen eigentlich verhindern wollte. Angesprochen auf diese Personalstrategie wirkte der Bundestrainer zuletzt ein wenig gereizt. «Ja, diese Rollenspiele haben einen ganz großen Teil der Berichterstattung der letzten Wochen und Monate eingenommen», sagte der Bundestrainer. Letztlich hätten sie aber immer nur den Ist-Zustand beschrieben - Änderungen vorbehalten. Die Tage in Chicago weisen den WM-Weg.