Digitaltechnologie

Deutsch-Kanadischer KI-Deal gegen Marktdominanz der US-Anbieter

24.04.2026, 14:35

US-Anbieter dominieren mit ihren KI-Modellen den Markt. Deutschland sucht nach Wegen zu mehr Unabhängigkeit, etwa durch eine Kooperation mit Kanada. Zwei Firmen kündigen einen Zusammenschluss an.

Von Jörg Ratzsch, dpa

Die deutsche KI-Firma Aleph Alpha und das kanadische Unternehmen Cohere gehen zusammen. Eine wichtige Rolle spielt auch die Schwarz-Gruppe. Das Projekt ist mehr als ein Firmenzusammenschluss und hat eine politische Dimension: Der kanadische Digitalminister reist extra an und präsentiert den Deal gemeinsam mit seinem deutschen Kollegen Karsten Wildberger vor der Presse in Berlin. Worum geht es? 

Wer geht da zusammen?

Aleph Alpha wurde 2019 in Heidelberg im Südwesten Deutschlands gegründet. Es galt lange als eines der bedeutendsten deutschen Unternehmen im Bereich Künstliche Intelligenz (KI). Bei der schnelllebigen und teuren Entwicklung großer Sprachmodelle konnte die Firma aber nicht mit Anbietern wie ChatGPT, Google und Meta mithalten. Mittlerweile bietet Aleph Alpha insbesondere KI-Lösungen für Unternehmen und Behörden an. 

Cohere wurde in Toronto ebenfalls 2019 gegründet. Spezialisiert sei man darauf, «Unternehmens-KI zu entwickeln, die das menschliche Urteilsvermögen verbessert, die Ausführung beschleunigt und das Potenzial von Einzelpersonen und Teams erweitert», wie es auf der Firmenwebseite heißt. Cohere hat nach eigenen Angaben Hauptsitze in Toronto, San Francisco und Deutschland und weitere Standorte in London, New York, Montreal, Paris und Seoul.

Wie begründen die Unternehmen den Zusammenschluss?

Beide wollen laut einer Mitteilung «eine sichere Alternative für den KI-Einsatz in regulierten Branchen schaffen», gemeint ist unter anderem ein Einsatz in der Verwaltung. Aleph-Alpha-Co-Chef Ilhan Scheer sagt, man schaffe gemeinsam mit Cohere «ein echtes Gegengewicht für Organisationen, die es ablehnen, die Kontrolle über ihre KI an einen einzigen Anbieter oder eine einzige Gerichtsbarkeit auszulagern». Europäische Institutionen und Unternehmen bekämen Zugang zu leistungsstarker und zugleich kontrollierbarer KI. 

Um welche Anwendungen geht es konkret?

Beide Unternehmen bauen Sprachmodelle und Agenten für Organisationen und Firmen, die ihnen dabei helfen, Standardabläufe zu automatisieren, so beschreibt es Cohere-Chef Aidan Gomez auf dpa-Nachfrage. «Wir machen das so, dass es privat bleibt, also auch ohne mit dem Internet verbunden zu sein. Sie haben also die Garantie, dass Cohere keine Daten sehen kann und das System auch nicht abschalten kann. Es ist voll unter der Kontrolle des Kunden.» Potenzielle Kunden sind neben der Verwaltung auch Organisationen der sogenannten kritischen Infrastruktur: Finanzen, Verteidigung, Energie, Telekommunikation und Gesundheitswesen. Um private Nutzer geht es nicht.

Warum ist das Ganze auch politisch?

Bei dem Deal geht es um die vielbeschworene Souveränität, um mehr Unabhängigkeit von großen US-Tech-Firmen. Für Unternehmen und Regierungen sei das sehr wichtig, sagte Kanadas Digitalminister Evan Solomon. Die deutsch-kanadische KI könne Regierungen tatsächlich echte Souveränität bieten und für Datensicherheit sorgen. Es gehe darum sicherzustellen, dass wichtige Daten eigenen Gesetzen unterliegen und nicht unter dem Druck anderer Nationen stünden. Er betonte das strategische Element dabei. «Der heutige Tag ist ein besonderer, besonderer Meilenstein in der Zusammenarbeit, der genau auf digitale Souveränität einzahlt», sagte Wildberger.

Welche Rolle spielen die Regierungen bei diesem Deal?

Es geht um symbolische Rückendeckung und auch ein Signal: Wenn künftig zunehmend KI-Anwendungen in Verwaltung und auch sensiblen staatlichen Bereichen genutzt werden, um Prozesse zu automatisieren, könnte man auf die Anwendungen dieses Joint Ventures setzen - der Staat als sogenannter Ankerkunde. 

Welche Rolle spielt die Schwarz Gruppe? 

Die Unternehmen der Schwarz Gruppe sollen laut Mitteilung rund 500 Millionen Euro als «strukturierte Finanzierung» bereitstellen. Die Cloud-Infrastruktur Stackit von Schwarz Digits soll «technisches Rückrat» der deutsch-kanadischen KI-Initiative werden. Die Chefs von Schwarz Digits, Rolf Schumann und Christian Müller, erklärten: «Der Aufbau dieser Infrastruktur ist eine strategische Notwendigkeit, um die KI-Revolution auf Basis von Werten wie Vertrauen, Fairness und Verantwortung global mitzugestalten.»

Die Digitalsparte der Schwarz Gruppe, Muttergesellschaft von Lidl und Kaufland, will sich als europäische Alternative zu Cloud-Computing-Marktführern wie Amazon Web Services (AWS) und Microsoft Azure aufstellen. So werden etwa elf Milliarden Euro in ein neues Rechenzentrum in Lübbenau im brandenburgischen Spreewald investiert.

Kann das Projekt großen US-Firmen wirklich Konkurrenz machen?

Auch für Digitalminister Wildberger ist klar: Die führenden Player sind heute in den USA zu finden. Aber mit dem Zusammenschluss müsse man sich alles andere als verstecken. Beide Unternehmen seien extrem leistungsfähig. Auf die Frage, ob man in einer Liga mit Platzhirschen von OpenAI (ChatGPT), Google oder Anthropic spielen wolle, sagte Cohere-Chef Gomez, Strategie sei nicht, das meiste Geld auszugeben. «Wir bauen das effizienteste, effektivste und sicherste Angebot im Markt.» Es gehe aber um mehr als eine deutsch-kanadische Lösung. Man wolle Unternehmen und Regierungen weltweit Anwendungen liefern.