«Mörder unter uns» wird 80
Die junge Knef im kaputten Berlin
23.03.2026, 15:31
Der Zweite Weltkrieg war noch kein Jahr vorbei, Nazi-Deutschland hatte erst zehn Monate vorher kapituliert, viele Städte lagen in Trümmern - trotzdem fiel im März 1946 in Berlin die erste Klappe für den ersten Nachkriegsspielfilm.
Bis August dauerten die Dreharbeiten für «Die Mörder sind unter uns». Auch 80 Jahre später ist dieser Schwarz-Weiß-Film des Regisseurs Wolfgang Staudte (1906-1984) mit der jungen Hildegard Knef (1925-2002) noch ein spannendes Werk.
Darum geht es in dem Film
Nach ihrer Rückkehr aus einem Konzentrationslager muss Susanne (Hildegard Knef) feststellen, dass inzwischen ein ehemaliger Soldat, der dem Alkohol zugeneigte Arzt Dr. Hans Mertens (Ernst Wilhelm Borchert), in ihrer Berliner Wohnung lebt. Zusammen versuchen sie, ihre Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg hinter sich zu lassen, wobei sich aus heutiger Sicht Susanne auffällig Hans unterordnet und im Film das Leid des Ex-Soldaten weit mehr Raum einnimmt. Am Ende ist aber Susanne die weitaus Klügere.
Spoiler-Alarm zur Handlung: optional 3 Absätze überspringen
Im Film begegnet Hans Mertens seinem früheren Hauptmann Ferdinand Brückner wieder, der für ein Kriegsverbrechen verantwortlich ist, unter dem er enorm leidet. Mertens will den Weg der Selbstjustiz gehen, um das Massaker an Zivilisten am Weihnachtsabend 1942 an der Ostfront zu rächen. Susanne, deren Hoffnung «Leben, endlich einmal leben» lautet, hält ihn davon im letzten Moment ab und überzeugt ihn, Brückner vor Gericht zu bringen.
Der Hauptmann wird sehr eindrucksvoll und feist von Arno Paulsen (1900-1969) gespielt. Er mimt überzeugend den Opportunisten, der zurück in einer unzerstörten Wohnung und großspuriger behaglicher Bürgerlichkeit keinerlei persönliche Schuld erkennt («Aufbau heißt die Devise»). Die Szene, in der Mertens ihn erschießen will, ist ästhetisch nah am Stummfilm und großes Kino – ein feiger Mann ohne Gewissen im Schatten der Schuld.
Der Arbeitstitel des Films lautete «Der Mann, den ich töten werde». In der Urfassung tötete Mertens den Hauptmann. Doch die sowjetischen Zensoren und Filmaufseher befürchteten, die Zuschauer könnten darin eine Ermutigung zur Selbstjustiz sehen, und drangen auf eine Entschärfung des Stoffs.
Was Filmemacher Wolfgang Staudte bewegte
Eine Art Abrechnung darf als Motiv von Autor und Regisseur Wolfgang Staudte angenommen werden. Er selbst war gedemütigt von der Nazi-Herrschaft und sah schon kurz nach Kriegsende mit ohnmächtiger Wut, wie diejenigen schnell wieder hochkamen, die bereits in der Nazi-Zeit mitgemacht hatten.
Wann und wo der Film Premiere hatte
Premiere hatte der Film im Herbst 1946 (15. Oktober) im sowjetischen Sektor Berlins im Admiralspalast – kurz nach den Urteilen im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher. Im Frühjahr 1947 (11. April) gab es in Baden-Baden die erste Aufführung des Films in den westlichen Besatzungszonen.
Verschwundene Drehorte
Gedreht wurde unter anderem auf dem heute verschwundenen Andreasplatz in Berlin-Friedrichshain sowie in den Trümmern der 1964 zu DDR-Zeiten gesprengten Petri-Kirche in Berlin-Mitte. Viele Aufnahmen entstanden aber auch im Studio, in den kleinen Althoff-Ateliers in Potsdam-Babelsberg.
In diesen Ateliers, die zunächst die einzigen von den Sowjets freigegebenen Filmstudios waren, fand am 17. Mai 1946 auch die offizielle Gründung der Deutschen Film AG (Defa) statt. Die Defa war später die größte Filmgesellschaft der DDR, drehte Klassiker wie «Das kalte Herz», «Die Legende von Paul und Paula», «Jakob der Lügner» und «Die Architekten».
Besonderheiten von «Die Mörder sind unter uns»
Gleich in den ersten Szenen des Streifens «Die Mörder sind unter uns» wird das Ausmaß der Zerstörung Berlins deutlich. Die Figur Hans Mertens läuft durch die Ruinen. Am Straßenrand liegen Berge von Steinen und Schutt, nur einzelne Wände von Häusern ragen wie Mahnmale zum Himmel. Mittendrin spielen Kinder. Bilder des kaputten Berlin unterlegt Staudte mit fröhlicher Klaviermusik, in die bedrohlichere Sounds einfließen.
Die Anspannung ist von Anfang an zu spüren. Die Kamera ist viel in Bewegung, Staudte spielt mit Schärfe und Unschärfe. Die Unruhe der Zeit wird gut abgebildet. Der Holocaust findet nahezu keine Erwähnung in dem Film, nur in einer Szene ist ein Zeitungstitelblatt zu sehen, auf dem etwas von Millionen vergasten Menschen in Auschwitz steht.
Auch 80 Jahre nach den Dreharbeiten lohnt es sich, «Die Mörder sind unter uns» anzuschauen – ein wichtiges Stück deutscher Filmgeschichte.