Kirche

Deutschland: Deutlich mehr Missbrauchsfälle als bisher bekannt

12.03.2026, 14:55

Fast doppelt so viele beschuldigte Priester und Hunderte betroffene Kinder gibt es im Erzbistum Paderborn: Zwei Kardinäle haben laut einer Studie Missbrauchsfälle vertuscht und Opfer allein gelassen.

Im Erzbistum Paderborn in Deutschland haben in den Jahren 1941 bis 2002 deutlich mehr Priester Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht als bisher bekannt. Das ist das Ergebnis einer unabhängigen Studie, die die Universität Paderborn am Donnerstag vorgestellt hat.

Bislang galten laut 2018 veröffentlichen Zahlen der Deutschen Bischofskonferenz für diesen Zeitraum 111 Priester als Beschuldigte. «Diese Zahlen sind stark zu korrigieren», sagte die Mitautorin und Historikerin Nicole Priesching. Jetzt gebe es 210 Hinweise auf Beschuldigte, die 489 Kinder und Jugendliche missbraucht haben sollen.

Aufgeteilt auf die Amtszeiten der Kardinäle Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt nannte Priesching ebenfalls Zahlen. Unter Jaeger wurden 144 Priester beschuldigt, 316 Kinder missbraucht zu haben. Bei Degenhardt waren es 98 Beschuldigte und 195 Betroffene. Das sind 4,35 Prozent der über die Jahre beschäftigten Kleriker.

Unter beiden Kardinälen sei versucht worden, die Fälle zu vertuschen und die Täter zu schützen. Die Opfer und deren Familien seien unter Druck gesetzt worden, so die Historikerin, die Anzeigen zurückzuziehen. Wenn die Priester geständig waren, die Fälle aber in der Öffentlichkeit noch nicht bekannt waren, hätten sie ihre Arbeit in der Regel fortsetzen können.

Professorin kündigt für das Jahr 2027 die zweite Studie an

Noch bis in das Jahr 2001, so die Autorin der Studie, habe Degenhardt besseren Wissens von Einzelfällen gesprochen. Er habe diese als Fehltritte und unglückliches Verhalten der Kleriker bezeichnet. Beide Kardinäle hätten große Milde gegenüber den Priestern gezeigt, dafür kein Verständnis für die Opfer, so die Autoren.

Für das Jahr 2027 kündigte die Professorin die zweite Studie an. In dieser Arbeit geht es um die Zeit von Hans-Josef Beckers. Der noch lebende Erzbischof war von 2002 bis 2022 im Amt.